“Können wir zuerst noch die Verantwortlichkeiten regeln.”

Diesen Satz hören wir immer wieder, wenn es darum geht bei Kunden agile Methoden wie Scrum oder SAFe einzuführen.

Wenn wir uns fragen, wieso z.B. ein Projekt gescheitert ist, läuft es oft darauf hinaus, dass unterschiedliche und unausgesprochene Meinungen oder Erwartungen herrschten. Oftmals kommt es zu dieser Diskrepanz weil man sich auf die Verantwortlichkeiten stütze, welche geregelt waren. Die rasche Schlussfolgerung wäre nun, dass die Regeln einfach zu wenig präzis waren und besser/detaillierter beschreiben werden müssen.

Wieso wird dies aber nicht zum erhofften Erfolg führen?

  1. Wenn wir uns dazu die Definition von “Regel” im Duden anschauen, ist dabei unter anderem von “…bestimmten Gesetzmässigkeiten…” die Rede. Unser Umfeld ist jedoch oftmals komplex, weshalb wir von diesen Gesetzmässigkeiten abweichen. Regeln können somit nicht 1:1 umgesetzt werden sondern benötigen regelmässigen Austausch wie auf diese Abweichung reagiert werden kann.

  2. Bei näherer Betrachtung werden wir oftmals auch feststellen, dass die unterschiedlichen (unausgesprochenen) Meinungen oder Erwartungen weniger in den jeweiligen Rollen, als in der Zusammenarbeit zu finden sind. Je mehr wir nun aber die Rollen mit weiteren Verantwortlichkeiten “stärken”, desto stärker fördern wir das “Silodenken” (“jemand anderes ist ja dafür verantwortlich”) und das gemeinsame Arbeiten findet noch weniger statt, da ja bei Allem geregelt ist, wer bestimmtes dafür verantwortlich ist.

Wenn wir die beiden Punkte als zwei der Ursprünge ansehen warum etwas scheitert, sollte unser Bestreben folgende zwei Verhalten im Fokus haben:

  1. Wir sollten selber mehr Verantwortung übernehmen, als Verantwortlichkeiten regeln zu wollen → Kann durch Alignement und Integration aller Beteiligten gestärkt werden z.B. in dem man sich auf das gemeinsame Ziel besinnt

  2. Wir sollten uns mehr Zeit nehmen für die Fragen und Aufgaben zwischen den Rollen, als in den Verantwortlichkeiten der eigentlichen Rollen → Thematisieren eines gemeinsamen Commitments (wie wollen wir das gemeinsame Ziel erreichen) an Retrospektiven

Wer sich gerne tiefer mit dem Thema auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das Buch “The Responsibility Process” von Christopher Avery. Dieses widmet sich noch detaillierter der Frage nach dem Unterschied zwischen “verantwortlich sein” und “aus Verantwortung handeln”. Des Weiteren beleuchtet es unsere tief verankerten Gewohnheiten im Zusammenhang mit “aus Verantwortung handeln”.

Rico, 06.05.2020